Auf See mit der Grande Cameroon

Was macht man denn 30 Tage auf einem Frachter?

 

Grande Cameroon

Grande Cameroon – man beachte die zwei Personen oben an Deck!

„Sie“ schreibt dazu:

 

Diese Frage hörten wir sehr oft in diesem Jahr. Ist es doch im Rahmen der normalen 30-Tage-Jahresurlaub-Bürger wie auch wir es bisher waren, UN VOR STELL BAR, derart die Zeit zu verbringen. Ich hatte damit kein Problem, in meinem Gehirn entwickelte sich eine Schublade für: Dinge-die-du-machen-kannst-wenn-genügend-Zeit-und-kein-Netz-zur-Verfügung-hast. Die Schublade war voll und die Taschen zu transportieren dem entsprechend auch. ER hat zwar nichts gesagt, aber ich konnte seine Gedanken wohl entziffern: Was tust du mit dem ganzen Zeuch??? Abwarten Freund – das sieht vielleicht nicht ganz sooooo nachvollziehbar aus, aber hat System – ehrlich. (ja es wird weniger, keine Panik).

 

Mein Gepäck an Bord bestand natürlich aus äußerst nützlichen Dingen. Die wichtigsten waren letztendlich Bücher, Hörbücher, unser gut gefüttertes E-Book, Wolle, eine Yogamatte und ein Springseil. Bei ihm kam noch eine sorgfältig ausgewählte Kameraausrüstung und sein Macbook dazu.

 

Aus dem geplanten Starttermin 22. Oktober.wurde der 11. November. Zeit, die wir gut zu nutzen wussten, um unsere beruflichen Verpflichtungen gar abzuschließen, die Wohnung zu räumen und noch mit unseren Familien und Freunden zu verbringen.

 

 

Die Kabine.

Man mochte sich im Vorfeld gar nicht vorstellen, wie die wohl so sein wird. Die Queen Mary II lag zwar auch im Hamburger Hafen, aber wir wollten´s ja nicht anders. Wenn man von Stockbetten erstmal ausgeht, ist die Freude groß, wenn die zwei Betten horizontal nur 40 cm trennt. Wir sind auf einem Schiff und alles ist bombenfest verankert. Gut, akzeptiert, 2 Betten, á 87,5 cm breit und 40 cm die uns trennen ergaben die Gesamtbreite der Kabine

 

Die Chance, noch einmal an das Womo zu kommen, bevor es für mindestens 30 Tage irgendwo in den 11 Stockwerken unter uns mit weiteren 2500 Fahrzeugen kuschelt, erwies sich als äußerst hilfreich, um den Wohlfühlfaktor der Kabine um ein vielfaches zu erhöhen: Danke Sidolin, deine frische Zitronennote gab uns das versprochene Gefühl von wahrer Sauberkeit, du hast uns nicht enttäuscht. Hab ich mir gleich gedacht, dass die Fugen in der Dusche einen weißen Ursprung hatten. Die schweren Vorhänge, um diese eh schon extreme Entfernung zwischen den Betten zu überbrücken, waren die nächsten Tage auch nicht notwendig, und wanderten deshalb in die Schublade, genauso wie diese Decken, die bereits sehr vielen Seemännern ein warmes, heimeliges Gefühl geben durften – Platz für unsere eigene Duftmarke in Form von mitgebrachten Schlafsäcken und -Decken.

 

Unsere Situation sah also folgendermaßen aus:

 

–   bedeutend mehr qm3 als im Womo (und das OHNE Küche und MIT Koch)

fliesend Wasser und Strom, der nicht selbst erzeugt werden musste.

keine Toilette, die geleert werden muss

 

So betrachtet – wahrer Luxus.

 

Eine Innenkabine auf einem Frachter hat auf See eine ganz eigene Sprache: während der Fahrt auf dem Kanal war es ein schöner grooviger Samba-Reggae, es klapperte schön rhythmisch hm-tschagga-hm-tschagge-raggadagga-raggadagga. In größeren Gewässern wich das Geräusch und ging über in weiche fließende Bewegungen, die uns sanft in den Schlaf schaukelten  es fehlte nur noch die Musik des Loveboats aus den 80ern.

 

Unsere Konversation verlief bis Antwerpen auf Englisch, wich jedoch einem Kauderwelsch aus Französisch, Italienisch, Englisch und Deutsch als unser Exotendasein ein Ende fand: die Gleichgesinnten kamen an Bord. Persönlich kannten wir vor Antritt unserer Reise keinen Menschen, der ein ähnliches Vorhaben realisierte. Monatelang haben wir versucht über Internet und diverse Bücher an Infos zu gelangen und uns gut vorzubereiten und jetzt waren sie einfach da: die Gleichgesinnten.

 

10 Passagiere beherbergte der Frachter, mit der Crew waren´s dann 28. Nicht viel, für diesen Giganten am Meer, mehr braucht´s aber scheinbar nicht

 

Die Zeit verging unheimlich schnell. Liegt vermutlich daran, dass die schöne Zeit wie immer einen Beschleuniger zu haben scheint.

 

Was war geschehen?

 

Nichts.

 

wir hatten unheimlich viel Zeit, nichts zu tun. Nichts tun bedeutet schlafen, dösen und auf das Meer blicken. Nichts ist nicht der passende Begriff, es klingt fast etwas negativ. Dieses Nichtstun war aber wunderschön. Nichtstun konnte nur von einer Sache unterbrochen werden: Essen. 8 Uhr, 12 Uhr, 18 Uhr pünktlich. Unser Koch Marco hatte gute Tage, was er durch fröhlich italienischen Singsang und gutes Essen uns zu verstehen gab, und er hatte schlechte Tage: kein Singsang und die Küche: traurig – so wie er. So viel Fleisch und Fisch kann man auf Dauer auch gar nicht essen, die Pasta schon. Erstaunlich war, dass es jeden Tag frisches Obst gab, und natürlich hatte dieser italienische Frachter eine richtige Espressomaschine.

 

 

Alles.

 

Die Gleichgesinnten haben sich aneinander gewöhnt und so schlich sich nach einigen Tagen eine gewisse Routine ein: wer geht wann in den Hobbyraum und belegt für wie lange Fitnessrad, Tischtennisplatte oder Baby-Soccer. Allabendlich gab es den Kampf der Giganten der Männer am Kicker – zumindest hörte es sich so an.

 

Wir haben sehr viele Bücher gelesen. Außerdem habe ich mich mit den Hörbüchern angefreundet, weil man dabei gleichzeitig auch stricken, häkeln, schlafen und auf´s Meer blicken kann. So habe ich einige Stunden verbracht, Stunden in einer anderen Welt, während man in einer anderen Welt sitzt und dabei auch noch etwas produktives macht – das gefällt mir.

 

Mein Sportprogramm in Form von yogabiegen und seilhüpfen wurde fleißig durchgezogen. Seilspringen: top

Yoga: bis zum Kopfstand und wieder zurück: top

 

ER hatte Zeit, Bilder zu bearbeiten und um zu fotografieren. Die Reihenfolge variierte.

 

Spanisch haben wir beide geübt und theoretisch auch sehr viele Vokabeln gelernt. In der Praxis zeigt sich aber nun, dass alles anders ist. Wie halt immer braucht´s die nötige Routine. Dein erstes Gestammel vergisst du nie, aber wir haben ja Zeit.

 

Wurde ein Hafen angefahren, um die Grande Cameroon zu be- und entladen, spannte sich die Lage für Passagiere und Crew an. Ist man tagelang mit geschmeidigen Wellen beschäftigt, erlebt man einen Hafen plötzlich ganz anders.

 

Antwerpen war ja noch mit Hamburg zu vergleichen, sehr klar strukturiert und gut organisiert. Dann kam Afrika – oh mein Gott, schon alleine vom Zuschauen war das richtig anstrengend. Dakar und zwei Tage später Banjul war alles andere als erwartet. Der Hafenbereich war frei zugänglich und alle möglichen Leute hielten sich im Bereich der riesig und einladend wirkenden Brücke auf. Wir standen am obersten Deck, 12 Stock, und schauten dem Treiben zu, mit dem Wissen, dass wenige Meter davon entfernt sich unser Zuhause befindet, und wir keinen Einfluss darauf haben, was dort passiert, vor allem nachts. Wir hatten Glück und es wurde nur eine Ersatzradabdeckung und Gurte geklaut.

 

Beachtlich waren auch die“wichtigen Männer in Uniform“. Wie wichtig diese letztendlich waren, erkannte man an Anzahl und Volumen der schwarzen Tüten, die sie mit von Bord schleppten. Zigaretten, Softdrinks, und sogar Milch! Kaum wurde der Frachter wieder verlassen,ging das vertickern auch schon los- an andere Schiffe und die Meute, die bereits schon darauf wartete, alles direkt vor unseren Augen.

 

Einige Tage später kamen wir in Santos – Brasilien an, und alles war anders. Der Hafen ordentlich und organisiert. Genauso ein paar Tage darauf in Zarate – Argentinien, unser erster Landgang. Mittlerweile war es bereits der 10.12.2013.

 

Für mich war dieser Landgang eine leichte Reizüberflutung. Wir waren nicht besonders gut vorbereitet und mit den gesamten Gleichgesinnten unterwegs – 10 Leute sind nicht gut unter einen Hut zu bringen, wie man sich vorstellen kann und wir mussten uns noch um eine Versicherung für unser Fahrzeug kümmern. Markus aus der Schweiz hatte mit seinem Motorrad das gleiche Problem, beim dritten Anlauf in der Versicherungsagentur hatten wir das gewünschte Dokument und auch das Gefühl, die Versicherung nun gekauft zu haben, der Umgang mit der Kreditkarte ist viel zu einfach, zumindest für diesen Moment wie es sich zeigte.

 

Am 12.12. kamen wir in Montevideo an.

 

 

Streiten.

 

32 Tage auf engem Raum und nur Wasser um uns herum – da kann einem die Decke schonmal auf den Kopf fallen. Nach mehr 20 Tagen kam es deshalb zu folgendem Dialog:

 

„Duuuu – wir haben noch gar nicht gestritten

„     –     stimmt“

„ wäre es nicht an der Zeit?“

„Ja, schon, aber mein Buch ist gerade so spannend. Was hältst du von morgen?“

„Morgen – ok!“

 

Na gut, wir hatten´s versucht und dann doch vergessen. Aber irgendwann holen wir das nach.

 

 

Fazit.

 

Alles in Allem: eine Frachterreise ist eine wundervolle Sache: jederzeit sehr gerne wieder.

 

 

„ER“ fügt noch an:

 

„Grande Cameroon – Palermo“ – von der Reederei Grimaldi Lines – so hieß unser schwimmendes Zuhause um von Europa nach Südamerika zu kommen.

So ziemlich die beste Möglichkeit wie wir mit stundenlangem Internetsurfen herausgefunden haben.

Viel haben wir im Vorfeld, auch bei anderen Reisenden, nicht gefunden.

Wer sich mit so einer Reise beschäftigt findet unter:www.marinetraffic.com die aktuelle Position dieses Schiffes und auch ein Bild mit ein paar Daten.

 

Einige technische Details:

 

Als wir im Hafen von Hamburg erstmals davor geparkt haben – ein überwältigender Anblick! 12 Stockwerke hoch, und man lebt im 11! Das sind so ca. 25 Meter über der Wasseroberfläche. Das Schiff ist als Autotransporter 2010 gebaut worden und besitzt noch die Möglichkeit auf dem sog. „Weatherdeck“ Container mitzunehmen.

Gut und gerne ist das Schiff knapp 245 Meter lang. Es ist keine Schönheit die da mit fast 20 Knoten Höchstgeschwindigkeit durch’s Meer pflügt, da durch die riesige Auffahrtsrampe der „Arsch“ recht voluminös wirkt. Aber dafür transportiert der Frachter ca. 2.500 Fahrzeuge und LKW’s. Bei uns war auch ein Helikopter, drei komplette Trafostationen und zwei Fertighäuser mit an Bord.

 

Auf dem obersten Deck, das ein Freideck ist, hat man als Passagier dann etwas „Bewegungsfreiheit“. Aber dazu muß erst ein Großteil der alten Autos, die dort bis nach Afrika stehen, von Bord gebracht werden. Dabei gehen die Fahrer nicht gerade zimperlich mit den Autos um. Was nicht mehr anspringt wird mit einem „Pusher“ angeschoben oder gleich mit einem Gabelstapler von Bord gezerrt.

Auslauf für "bewegliche" Fracht

Auslauf für „bewegliche“ Fracht

Als wir den Maschinenraum besichtigen durften, konnte man davon einen Eindruck bekommen, was für eine Kraft notwendig ist um dieses Schiff voranzutreiben. Da steht ein Motorblock von MAN – so groß wie ein kleines Einfamilienhaus. Der Verbrauch liegt bei ca. 2.500 Litern in 24 Stunden bei Vollast! Es wird aber die meiste Zeit nur mit 60 % Leistung gefahren. Das benötigte Süßwasser wird in einer eigenen Entsalzungsanlage gewonnen – 25.000 Liter in 24 Stunden. Für die Lüftungs- und Klimaanlagen stehen nochmals drei eigene, kleinere Motorblöcke zur Verfügung.

Alles ist hier recht großzügig dimensioniert – so hat ein Kolben vom Schiffsmotor einen Durchmesser von knapp einem halben Meter, die dazugehörige Pleuelstange ist ca. 1,50 Meter lang. Dazu herrscht eine unglaubliche Hitze und ein noch größerer Lärm im Maschinendeck.

Um das ganze zu betreuen gibt es einen „Chefingenieur“ und einen zweiten Ingenieur. Der Spezialist für das Elektronetz und einige Arbeiter komplettieren das gesamte Personal. Nachts ist die gesamte Anlage autark und wird ferngesteuert von der Brücke überwacht.

Das einzige was etwas zu kleingeraten ist – bei all diesen riesigen Dimensionen – ist der Personenaufzug – der ist ein besserer Speisenaufzug und hält nicht mal auf dem Hauptdeck der Einfahrtsrampe, sondern erst im 5. Stock! Da hinauf muß man über eine kleine Treppe hochsteigen. Aber wahrscheinlich sind die Ingenieure davon ausgegangen das Container und Autos halt nicht Aufzug fahren!

neue Reifengröße für's nächste WOMO

neue Reifengröße für’s nächste WOMO

Die gesamte Crew hat während der ganzen Fahrt drei (3!) vorbildlich abgehaltene Feueralarmübungen gemacht und wir wurden in einer speziellen Sicherheitseinweisung mit dem Umgang von Schwimmwesten, Feuerlöscher und Atemmasken vom 1. Offizier unterrichtet.
Hier einige Infos für zukünftige „Grimaldi-Fahrer“:
Die Autofähren von Grimaldi legen in Hamburg am sog. „O’swaldkai“ an.
Dieses Frachtterminal liegt im Freihafen von Hamburg in der Dessauer Straße und die Anlegestelle hat die Koordinaten: N53 31.992 und E9 59.739
Die Grande Cameroon nimmt hauptsächlich Neuwagen und Container auf.
Verfolgen kann man die Schiffe unter: www.marinetraffic.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *